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In H. Lück (Hrsg.): Psychologie in Selbstdarstellungen, Band IV, Lengerich: Pabst Science Publishers, 2004
Falls es ein Gen für Konformismus gibt, dann bin ich diesbezüglich eine Verlustmutante. Mein erster Berufswunsch, noch vor Schuleintritt, war schon recht altersuntypisch; er lautete «Naturforscher». Meine Tanten pflegten ihn mit schlesisch-gutmütigem Spott zu kommentieren: «Naturforscher mi'm Feuerhäkel» – also einer, der mit einem Schürhaken unter Laubhaufen stochert. Wie dieser Kindheitstraum zustande kam, ist dunkel. Vielleicht spielte das Buch «Die Biene Maja» eine Rolle, das ich zu meinem fünften Geburtstag geschenkt bekam. Ich konnte damals bereits lesen; das Alphabet hatte ich mir von Angestellten im elterlichen Geschäft an Hand der Schreibmaschine zusammengebettelt, gegen den besorgten Widerstand meiner Mutter, die meinte, zu frühe intellektuelle Betätigung würde dem Kinde schaden.
Noch nachhaltiger mag die Natur gewirkt haben, in der ich aufwuchs. Meine Heimatstadt Breslau hat mich nie sonderlich fasziniert. Aber da war noch außerhalb, weitab vom nächsten Dorf, ein Wochenendhaus mit einem Gartengrundstück und einem eigenen Teich, wo wir die Ferien verbrachten. Dort war meine Seelenlandschaft. Ich stromerte in den urweltlichen Oderwaldungen umher, und meine Leidenschaft waren von Anfang an Tiere. Ich brachte meiner entsetzten Mutter Schlangen ins Haus und versuchte, in einer Drahtschlinge Kreuzspinnen zur Herstellung ihrer Radnetze zu bewegen, was natürlich nicht funktionierte, auch wenn ich es immer wieder mit neuen Tieren versuchte. Schließlich zwickte es mich überall, und beim Abstreifen des Unterhemdes kamen Dutzende meiner Versuchstiere wieder zum Vorschein.
Die Liebe zur Biologie endete vorerst mit etwa zwölf, als mein Vater mir das Buch «Du und die Natur» von Paul KARLSON schenkte, das einen ungeheuren Eindruck auf mich machte. Es hat noch vierzig Jahre später bei der Gestaltung des «Rätsel Ödipus» nachgewirkt. Seitdem stand fest: ich würde einmal Physiker werden. Damals wußte aber kaum wer, was ein Physiker ist und soll, und ich hütete mich, diesen Wunsch den Klassenkameraden zu verraten. Im Zeugnis wurde mir eine «besondere Veranlagung und Freude für Mathematik» bescheinigt, zu meinem Leidwesen, weil da «Physik» hätte stehen sollen; den engen Zusammenhang beider Wissenschaften begriff ich noch nicht.
Ein guter Schüler war ich nicht. Lernfächer waren mir zuwider, auch Latein, bei dem man durch Anwendung uneleganter Grammatikregeln angeblich «logisches Denken» übt. Das Phänomen Sprache als solches interessierte mich aber durchaus. Es war das Alter, in dem man Karl May las. Der gab sich bekanntlich polyglott und belegte dies unter anderem damit, daß er direkte Rede, die im osmanischen Raum spielte, jeweils im türkischen Original wiedergab. Hierfür hatte er Vokabeln einzeln (oft falsch) im Wörterbuch nachgeschlagen und dann nach den Regeln der deutschen Grammatik zusammengefügt. Aber immerhin kam doch die Klangfarbe ein wenig herüber, und die faszinierte mich so, daß ich in einem Antiquariat eine türkische Sprachlehre erstand. Vielleicht wäre das nicht weit gediehen. Aber dann kam im Frühjahr 1945 die Flucht, und ich konnte nur eines meiner Bücher mitnehmen. Meine Wahl fiel auf besagte Grammatik, weil ich davon am längsten würde zehren können. So kam es dann, daß ich die Zeit des ärgsten Flüchtlingselends, pubertär abgetaucht, mit dem Erlernen dieser damals völlig nutzlosen Sprache verbrachte, mit Agglutination, Vokalharmonie und den Gerundien auf –ip, –erek usf. Heute habe ich das meiste vergessen, aber bei diversen Reisen nach Kleinasien kam es mir zugute.
Etwas ähnliches hat sich noch einmal wiederholt, als ich sechzehnjährig wieder zur Schule ging. Ich blieb als einziger der Klasse dem Wahlfach Französisch fern, kaufte mir wiederum ein Lehrbuch und lernte auf eigene Faust russisch. Ich glaube, dass die Haltung, sich nicht darum zu kümmern, was andere tun, später auch meine wissenschaftliche Karriere bestimmt hat.
Mein Vater geriet zu Kriegsende in russische Gefangenschaft, aus der er nicht wieder zurückkehrte. Die Flucht verschlug unsere Restfamilie in ein ärmliches Nest im Fichtelgebirge. Das war eine harte Zeit; zum Glück fand ich einen Job als Küchenhilfe bei den amerikanischen Besatzungstruppen. Dafür konnte ich das, was in den Kesseln der Kantine übrig blieb, mit nach Hause nehmen. Wer die Zeiten miterlebt hat, weiß, was das bedeutete. Damals machte ich erste Bekanntschaften mit der Mentalität, aus der die amerikanische Psychologie ihre Evidenzen bezieht. Ich unterhielt mich mit einem der GIs über die Zukunft und erklärte ihm, daß für mich ein anderes Leben als das eines Wissenschaftlers einfach nicht vorstellbar sei. Sein Kommentar: «You must learn to appreciate other ways of life.» Freitags gab es Filme, da kamen Sätze vor wie «I learned to love her.» Ich war beeindruckt. Sowas können die Amis «lernen»?!
Ich «lernte» dann doch, meine Berufswünsche der Realität anzupassen; Nahziel war technischer Zeichner. Im Frühjahr 1946 bekam ich aber die Chance, im nahen Bamberg wieder zur Schule zu gehen. Wohnen konnte ich im städtischen Waisenhaus, wo ich bis zum Abitur mit etwa dreißig meist verhaltensgestörten Fürsorgezöglingen zusammenlebte, von früh bis abend vereint in Aufenthaltssaal und Schlafsaal. Und natürlich, nicht zu knapp, in Kirche und Kapelle. Das Waisenhaus wurde von Englischen Fräulein geleitet, mit entsprechender katholischer Intensivbehandlung. Nach dem Abitur war ich so mürbe, daß ich den Plan, Physik zu studieren, aufgab und ins Bamberger erzbischöfliche Priesterseminar eintrat.
Dort hielt ich es aber nur zwei Jahre lang aus. Die Stimmung überwachter Unfreiheit war einfach nicht zu ertragen. Nur ein Beispiel: Man untersagte uns, Baskenmützen aufzusetzen. Die wurden nämlich von französischen Geistlichen bevorzugt, und da einige von denen eher progressive Meinungen vertraten, hätte diese Kopfbedeckung als Signal nicht-orthodoxer Gesinnung verstanden werden können.
Den direkten Anstoß zum Austritt gab aber die Psychologie. Das Leben in einer Gemeinschaft junger Männer, die sich – damals noch stark geprägt von der Kriegserfahrung – hohen Idealen verpflichtet fühlten und eine in Trümmern liegende Welt neu gestalten wollten, entwickelte einen Sog, sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz zu beschäftigen und die eigene seelische Verfassung auszuloten. Ich habe einen führenden Kognitivisten später einmal gefragt, ob er nicht auch Psychologie studiert habe, um sich selbst zu begegnen. Er hat mich nur verständnislos angeschaut. Vielleicht ist der Kognitivismus für manche so attraktiv, weil er die Leichen im eigenen Keller ruhen läßt.
Freilich ist eine Dauerbeschäftigung mit sich selbst der Ausgeglichenheit nicht eben förderlich; vor allem depressive und zwanghaft-skrupulöse Belastungen blieben einem da kaum erspart. Diese weckten aber erst recht das Bedürfnis, mehr über Psychologie zu erfahren. Das ließ sich jedoch an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Bamberg kaum befriedigen. Immerhin kam ich mit einigen Seminaristen, regelwidrig im abendlichen Silentium, noch zusammen, um gemeinsam C.G. JUNG zu lesen. Diese konspirativen Treffs fanden aparterweise im Zimmer des Spirituals statt, eines Jesuitenpaters, der auf diese Weise diskret Aufsicht führte, aber vielleicht auch selbst ein wenig gegen den repressiven Hausgeist rebellierte.
Den Ausschlag gab dann die Bekanntschaft mit der Mutter eines Schulfreundes, einer hochgebildeten Frau, erhaben über den Bamberger Provinzialismus. Sie war eine erfolgreich praktizierende Graphologin und bot an, mir unentgeltlich Unterricht zu erteilen. Auf diese Weise geriet ich für Jahre in den Bann von Klages. Unter dem Eindruck all dieser Einflüsse erbat ich schließlich von der Seminarleitung eine Beurlaubung, um in München Psychologie zu studieren. Diese wurde mir «aus Konsequenzgründen» verweigert, was dann nach eingehender Gewissenserforschung zum Austritt aus dem Seminar führte.
Ich wechselte also 1952 nach München. Die stilbildende Kraft am dortigen Psychologischen Institut war weniger Lersch als Vetter. Beide vertraten eine «anthropologische» Psychologie, und dies auf hohem Niveau. Aber bei Lersch bekam man den Menschen, säuberlich gegliedert und allseitig beleuchtet, wie in einem Museumskatalog serviert. Bei Vetter dagegen meinte man dauernd, über Abgründen zu schweben. Die blieben zwar im Dunkeln, aber man spürte ihre Tiefe. Ich fühlte mich von ihm gleichermaßen fasziniert wie zum Widerspruch gereizt.
«Merkwürdig, wie naturwissenschaftlich Sie denken!» bekam ich dann zu hören. Ich habe nie zum Kreis seiner engeren Vertrauten gehört; aber seine Fragestellungen, wenn auch nicht seine Antworten, haben mich doch nachhaltig beeinflußt.
Das Psychologiestudium war unter solchen Randbedingungen keine wissenschaftliche Ausbildung. Aber es vermittelte immerhin eine Einübung in menschenkundlicher Intuition. Das Gewicht lag auf Seminaren, in denen Fälle, meist aus der Erziehungsberatung, vorgestellt wurden, wobei dann, unterstützt durch ein vorsintflutliches, noch mit Lichtbogen arbeitendes Epidiaskop, alle Teilnehmer gemeinsam Wartegg-Tests, Rorschach-Protokolle, Szenotests, Handschriften etc. deuteten. Validierung fand kaum statt, alles methodisch höchst fragwürdig. Aber doch vielleicht eine ganz gute Vorbereitung für das, was dann in der Berufspraxis ohnehin auf die meisten zukommt?
Meine finanzielle Situation war anfangs kümmerlich; sie besserte sich erst, als ich Ende 1953 in die Studienstiftung aufgenommen wurde. Leider entfremdete ich mich der Psychologie zunehmend; sie war mir letztlich doch zu spekulativ. Ich hatte das Gefühl, dass mir die Hände verdorrten. Das Verlangen nach den Naturwissenschaften, zu denen ich auf den Bamberger Umwegen den Kontakt verloren hatte, meldete sich mächtig zurück. Ich weiß noch, wie begierig ich die Vorlesungen von Werner Fischel über Tierpsychologie besuchte. Er war wohl nicht der kompetenteste Vertreter seines Faches, aber das tat der Faszination des Stoffes keinen Abbruch.
Insgesamt freilich steuerte das Studium auf ein Desaster zu. Ich bin nicht sonderlich zurückhaltend und pflegte mich schon damals eher unverblümt zu äußern. Zudem interferierte ich als mehrjähriger Fachschaftsvertreter, ohne es zu merken, öfters mit institutspolitischen Interessen. Vor allem für den Geschmack einiger Assistenten war ich einfach zu vorlaut. Am Schlimmsten aber: Ich fand den Stoff der bevorstehenden Diplomprüfung größtenteils langweilig und irrelevant. Die Quittung kam dann prompt. Ich schloß mit der Gesamtnote Drei ab – ein Ergebnis fast ohne Präzedenzfall. Eine Drei bedeutete die Nichtzulassung zur Promotion. Ich werde nie vergessen, wie einer der Assistenten mich in sein Zimmer zitierte, um mir genüßlich die Note mitzuteilen. Er bot mir tatsächlich eine Zigarre an!
Es hat einige Zeit gedauert, bis ich mich von diesem Schlag erholte. Ich wurde Eignungsgutachter bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, um mich finanziell über Wasser zu halten. Promovieren wollte ich immerhin wenigstens in Philosophie, bei Alois Wenzl. Er war Vitalist, was mir damals eher entgegenkam. Psychologie sollte mein erstes Nebenfach sein; als zweites wählte ich Zoologie. Ich besuchte dafür die profunden Vorlesungen von von Frisch und Autrum und studierte das Lehrbuch von Kühn; für keines meiner Promotionsfächer habe ich mich so gründlich vorbereitet. Von Frisch war beispielhaft für ein Stilmerkmal, dessen Geringschätzung seitens der zeitgenössischen Psychologie es mir so schwer macht, mich in ihr heimisch zu fühlen. Er hatte entdeckt, dass die geltende Lehrmeinung, Fische besäßen keinen akustischen Sinn, falsch ist. Die Arbeit, in der er das nachwies, erschien 1923 im seriösen «biologischen Zentralblatt». Wäre er Psychologe gewesen, hätte er sie wahrscheinlich «Konditionierung lokomotorischer Reaktionen auf akustisch codierte Stimuli bei siluriformen Teleostiern» oder so ähnlich genannt. So aber lautete der Titel: «Ein Zwergwels, der kommt, wenn man ihm pfeift».
Im Fach Zoologie hatte ich auch Präparierkurse zu absolvieren. In diese Zeit fiel nun gerade der Umzug von Konrad Lorenz an das neu erbaute Max Planck-Institut in Seewiesen nahe dem Starnberger See. Lorenz sollte im Sommer 1958 erstmals eine Vorlesung halten; ich hatte von ihm bei Fischel gehört und äußerte im Gespräch mit den Kursleitern, wie gespannt ich auf dieses Ereignis war. Ihre Reaktion war überraschend zurückhaltend. Lorenz sei schon recht. Wichtiger aber sei Erich von Holst, der sich mit ihm in das Seewiesener Direktorium teilen würde. Von dem hatte ich noch nie gehört.
Als ich zum ersten Mal in dessen Hörsaal kam, sah ich vorn einen schlanken Mann in einem schäbigen Strickpullover, der sich am gekachelten Vorlesungstisch zu schaffen machte. Ich hielt ihn für einen Pedell. Er beugte sich zum Wasserhahn herunter und schlürfte lautstark aus der Leitung. Eigentlich ungehörig für einen Bediensteten. Dann wandte er sich um, man erblickte einen von edler Dämonie gezeichneten Charakterkopf, und er begann zu reden, mit sonorer, baltisch gefärbter Stimme, zu einem atemlos lauschenden Auditorium. Eine vergleichbare Intensität des Vortrags habe ich nie mehr erlebt.
Ich versäumte keine einzige seiner Vorlesungsstunden. Die letzten 10 Minuten pflegte er für eine Diskussion zu reservieren, und daran beteiligte ich mich zunehmende engagiert. Meist freilich war das keineswegs in seinem Sinne. Ich glaubte an die Wechselwirkungslehre, und er war überzeugter Parallelist. In der Diskussion kannte er keine verbindliche Rücksichtnahme. Er metzelte mich regelrecht nieder, und dabei glühten seine Augen derart zornerfüllt, dass ich nur mit dem Mute der Verzweiflung gegenhalten konnte; aber eine argumentative Chance hatte ich nie. Am schlimmsten war es in der vorletzten Stunde des Semesters. Ich weiß nicht mehr, worum es im einzelnen ging, jedenfalls wollte ich auf eine Beobachtung hinweisen, die ich für sensationell hielt: Auf einem Photo aus der Station Wolfgang Köhlers war ein Schimpanse zu sehen, der auf einem Stapel Kisten steht und nach einer Banane an der Käfigdecke greift. Am Boden sitzt ein zweiter, der ihn beobachtet. Und dieser streckt den eigenen Arm über sich, vollzieht also identifikatorisch die Intention des anderen mit. Von Holst verstand nicht, was ich damit sagen wollte, ich erhielt die schon gewohnte Abfuhr, und eine neben mir sitzende Zoologie-Assistentin flüsterte mir zu, ich solle doch endlich aufhören, mich unmöglich zu machen.
Aber dann geschah etwas Unerwartetes. Das alles, sagte von Holst, gehöre eigentlich zum sogenannten Leib-Seele-Problem. In der nächsten Woche werde er Lorenz hinzubitten. Dieser solle eine Viertelstunde lang zu diesem Problem reden, sodann werde er selbst seine Position darstellen, und in der letzten Viertelstunde könne dann «der junge Kollege da unten» seine Meinung sagen. Ich nahm die Chance wahr, und das Ganze endete damit, dass von Holst mir eine Assistentenstelle anbot, zunächst für ein Jahr; aber daraus wurden dann anderthalb Jahrzehnte.
Mein Eindruck von Seewiesen war überwältigend. Schon einfach wegen der Lage. Ich meinte, die «Seelenlandschaft» meiner Kindheit wiederzusehen. Als ich gegenüber von Holst eine diesbezügliche Andeutung machte, wir ruderten im Kahn auf dem Eßsee, bemerkte er nur in seinem baltischen Tonfall «Hier gjedänke ich zu starrben.» Er wußte, dass das nicht mehr lange dauern würde; auf Grund eines unheilbaren Herzleidens hatten ihm die Ärzte kaum mehr als vier Dezennien eingeräumt. Vieles von der verzehrenden Intensität, mit der er lebte, erklärt sich wohl aus dieser Todeserwartung.
Absolut einmalig war das wissenschaftliche Klima. Seewiesen war eine Art Forscherkolonie, die meisten Mitarbeiter wohnten direkt auf dem Institutsgelände, die Kinder wuchsen wie eine Großfamilie auf, in Wäldern und Hochmooren, von klein auf vertraut mit einer gelegentlichen Kreuzotter im Sandkasten, aber völlig verblüfft beim ersten Anblick einer Trambahn. Für die Eltern war Wissenschaft der Lebensinhalt. Gipfelereignis war das Kolloquium am Mittwoch nachmittag. Es fand in einem quadratischen Raum statt, für den von Holst eine spezielle Möblierung entworfen hatte: Trapezförmig zugeschnittene Tische zu einem großen Kreis geschlossen, ein proxemisches Zyklotron, in dem sich Ideen ballen und Konfrontationen entladen konnten. Das Kolloquium, bei Tee und Gebäck, begann gegen vier Uhr, mit offenem Ende; es ist vorgekommen, dass es sich bis Mitternacht hinzog. Vortragend war entweder ein Institutsmitglied oder ein Gast. Aber wie es da zuging! Keine fünf Minuten nach Beginn war schon der erste Finger in der Luft. «Können Sie das bitte noch mal mit einfachen Worten wiederholen?» – «Meinen Sie so und so, oder wollen Sie sagen, dass…» – «Aber Sie haben doch vorhin das und das behauptet, wie paßt das dazu?» Gnadenlos. Blender hatten nicht die geringste Chance. Lorenz blieb eher wienerisch verbindlich, aber von Holst konnte einem Vortragsgast mit schneidender Direktheit klar machen, dass er bereit gewesen sei, ihm das Wertvollste zu opfern, worüber ein Wissenschaftler verfügt, nämlich seine Zeit, und daß er sich düpiert fühle, wenn der andere diese Vorleistung mit intellektuellem Talmi vergelte. Es konnte Zusammenbrüche geben; aber wer wirklich etwas zu sagen hatte, ging gestärkt aus dem Ritual hervor.
In den genius loci habe ich mich bald eingestimmt. Prägend war ein Gespräch mit Rudolf Jander, einem Assistenten von Holsts. Er arbeitete an der Frage, wie Ameisen nach ihren Exkursionen zum Nest zurückfinden. Meine erste Reaktion: Komische Frage! Natürlich können sie das instinktiv. Damit endete für mich das Problem. Jander blieb geduldig: Der «Instinkt» müsse sich schließlich an irgendetwas orientieren. Nun gut, meinte ich ungeduldig, die Tiere merken sich eben Landmarken, da einen Stein, dort einen Grashalm … Falsch, sagte Jander. Er untersuche die Tiere auf einer völlig ebenen Sand-Arena. Jetzt fühlte ich mich schon etwas herausgefordert. Vielleicht setzen sie Duftspuren?! Falsch, sagte Jander. Wenn ich den Sand verharke, irritiert sie das überhaupt nicht. Magnetismus? Auch falsch. Die ganze Anlage ließ sich drehen. Schließlich führte er mich in eine Dunkelkammer, da stand die Arena, kreisrund, vielleicht zwei Meter im Duchmesser. Die einzige Lichtquelle war eine seitlich angebrachte Glühbirne. Die Tiere bewegten sich emsig auf einer geraden Straße zwischen Nest und Futterplatz. Jander betätigte einen Schalter, woraufhin die Lampe ausging und genau 180 Grad gegenüber eine zweite aufleuchtete. Ich konnte am Verhalten der Ameisen keine Veränderung erkennen. «Sie müssen genauer hinschauen», sagte Jander und wiederholte das Schalterspiel. Dann sah ich es auch: Wenn der Lichteinfall wechselte, machte jedes Tier auf dem Absatz kehrt und lief genau in die Gegenrichtung. Das also war die Antwort: Die Ameisen orientieren sich am Sonnenstand. Jetzt stellte ich meine erste intelligente Frage: Wie das denn ginge, wo die Sonne doch wandert? Ich erfuhr, dass sie eine «innere Uhr» hätten, mit der sie diese Wanderung kompensieren.
Ein zweites Initialerlebnis war eine persönliche Begegnung. Gegen Ende meines Studiums war Doris Köhler im zweiten Semester aus Tübingen, also von Witte, nach München gewechselt. Sie hatte sich für die Aufnahmeprüfung dadurch vorbereitet, dass sie Metzgers «Psychologie» durcharbeitete. Ausgerechnet für München! Als wir uns näher kennenlernten, gab sie mir Metzgers Buch und meinte, es müsse mir liegen. Für meinen ersten Seewiesen-Besuch nahm ich es als Lektüre mit. Buchstäblich die erste Person, der ich dort dann über den Weg lief, war Metzger selbst. Er war mit Lorenz und von Holst befreundet und verbrachte gerade ein Freisemester in Seewiesen. Es kam zu ausgedehnten Waldspaziergängen, und der Kontakt riß bis zu seinem Tode nicht mehr ab. Obwohl ich nie eine Vorlesung von ihm gehört habe, würde ich mich am ehesten als Metzger-Schüler bezeichnen.
Viele Jahre später, als ich Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Psychologie war, schlug ich ihn für die Verleihung der Wilhelm-Wundt-Medaille vor. Daraus wurde nichts: Ein anderes Vorstandsmitglied war gerade in Amerika gewesen und berichtete, dass er bei Wallach den Namen Metzger fallen gelassen hatte. Der hätte nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Ich war nicht bereit, vor solcher Beflissenheit zu kapitulieren, aber kurz darauf ist Metzger gestorben. Später habe ich seine Schriften aus der Nazi-Zeit durchforstet und nichts wirklich Belastendes gefunden. Lorenz hat sich da ganz anderes geleistet. Was man Metzger vorwerfen konnte, war, dass er nicht mit emigriert ist. Köhler hat ihm das nie verziehen und drüben wohl auch entsprechend Stimmung gemacht. Dass sich Metzger redlich bemüht hatte, eine als «jüdisch» geltende Tradition in dunkler Zeit am Leben zu halten, hat ihm niemand gedankt.
Illustre Gäste gab es in Seewiesen reihenweise. Wenn man Lorenz über den Weg lief, konnte es heißen: Habt Ihr Lust, heut nachmittag zum Tee zu kommen? René Spitz ist gerade auf Besuch. Oder: Ob ich Zeit hätte, Margaret Mead an den Flughafen zu fahren? Ich hatte, und nahm die zwei Stunden wahr, mit ihr eine kontroverse Debatte über das Inzesttabu zu führen. Auch indirekte Kontakte ergaben sich, über Leute, die eigenlich die Chefs für Symposien gewinnen wollten und dann mit Mitarbeitern vorlieb nahmen. Auf diese Weise lernte ich Massimo Piatelli-Palmarini kennen, der hochkarätige Tagungen am Centre Royeaumont bei Paris organisierte und mich später mehrfach dazu einlud. Dort kam ich auch mit Lévi-Strauss zusammen, der allerdings darauf beharrte, der Nachweis tierischer Inzestbarrieren würde seine eigenen Thesen nicht tangieren. Empirie ist für Strukturalisten wohl doch nur Spielmaterial.
Tragischerweise verstarb von Holst 1962, schon das Jahr zuvor war von tiefer Depression überschattet. Er war der genialste Mensch, der mir je begegnet ist. Aus Raumgründen skizziere ich nur ein einziges Beispiel. Damals war noch umstritten, was der adäquate Reiz des Gleichgewichtsorgans (Utriculus) sei. Das ist ein horizontal im Innerohr liegendes Sinnesepithel, auf dem ein Stein lagert. Neigt sich der Kopf zur Seite, ändert sich sowohl der Druck als auch die seitliche Scherung der Sinneshaare, und die Frage war, worauf es ankam. Um das zu entscheiden, hätte man den Fisch veranlassen müssen, sich um die Längsachse seitlich zu neigen. Von Holst nutzte nun eine alte Aquarianer-Beobachtung, derzufolge sich Fische, die man von der Seite beleuchtet, tatsächlich schräg stellen. Die Impulse «drehe den Bauch zur Schwerkraft!» und «drehe den Rücken zum Zentrum der Helligkeitsverteilung!» schließen einen Kompromiß. Die Apparatur mit dem lateral beleuchteten Fisch steckte von Holst in ein Kettenkarussell, in dem sich zur Schwerkraft eine Zentrifugalkraft addierte. An der relativen Lage des Fisches zur Resultante änderte sich dabei nichts, aber der Stein wurde schwerer! Also vergößerte sich sowohl der Druck als auch die Scherung. Achtete der Fisch nun auf den Druck, mußte er meinen, eine Wasserturbulenz habe ihn zu weit aufgerichtet; er sollte sich also noch schräger stellen. War aber die Scherung der adäquate Reiz, dann müßte der umgekehrte Effekt eintreten. Tatsächlich korrigierte der Fisch seine Lage immer so, dass die Scherung konstant blieb. So konnte die Kontroverse am intakten Tier entschieden werden.
Ich habe an seiner Abteilung zwei wahrnehmungspsychologische Experimente konzipiert, die beide, wie ich hoffe, ein wenig von seinem Geist atmeten. Beim einen ging es darum, in eine sakkadische Augenbewegung hinein einen punktförmigen Lichtblitz zu bieten, den die Vp zu lokalisieren hatte; auf diese Weise konnte man die Veränderung der Raumwerte während der Sakkade bestimmen. Voraussetzung war freilich ein auf Millisekunden genaues Timing; die dafür erforderlich Elektronik entwickelte mein Kollege Ernst Kramer, ein begnadeter Bastler. Das andere Experiment knüpfte an Versuche von Wertheimer und Kleint zum Einfluß von Körperlage und visuellem Feld auf die subjektive Senkrechte an. Dabei bediente ich mich erstmals der biokybernetischen Methodik, an deren Entwicklung von Holst maßgeblich beteiligt war. Die Experimente führte übrigens Eckart Scheerer im Rahmen seiner von mir betreuten Vordiplomarbeit durch. Die Arbeit wurde mit dem Plazet des Herausgebers Theo Herrmann trotz extremen Umfangs in der «Psychologischen Forschung» veröffentlicht, fand aber kaum Resonanz bei einer Leserschaft, deren Anspruch sich schon mit Witkins «rod and frame» befriedigen ließ. In den Neurowissenschaften sah es mit der Rezeption besser aus. Richard Jung, bekannt für seine kritische Einstellung zu «den Psychologen», apostrophierte mich als «weißen Raben», und sein Schüler Kornhuber lud mich ein, den Artikel «Optic-Vestibular Orientation to the Vertical» im Handbook of Sensory Physiology zu verfassen.
Nach von Holsts Tod wurde meine Situation kritisch. Mit seinem Nachfolger gab es keine Berührungspunkte. In dieser Situation sprang Lorenz ein. Das Institut plante die Anschaffung eines Rechners, einer riesigen IBM 1130 (mit einem Kernspeicher von 8 KB!), und ich sollte sämtliche bislang an Gänsen angefallenen Beobachtungsprotokolle «in den Computer stecken» und auf diese Weise eine Welt qualitativer Impressionen in quantitative Wissenschaft transformieren. Das war natürlich utopisch; aber mich reizte der Gedanke, die in der Wahrnehmungsforschung so erfolgreich angewandte systemanalytische Methodik auch für die quantitativ schwieriger beherrschbare, aber psychologisch viel zentralere Motivationsforschung nutzbar zu machen.
Zuvor allerdings war die noch immer ausstehende Promotion nachzuholen. In München herrschten inzwischen andere Verhältnisse. Lersch hatte in altbayrischer Liberalität ausgerechnet Bergius als Gegengewicht an sein Institut berufen, und der kümmerte sich nicht um alte Gepflogenheiten. Er akzeptierte zwei Artikel als Dissertation, die ich inzwischen für den von Metzger redigierten Band im «Handbuch der Psychologie» zur Erkenntnistheorie und Psychophysik der Raumwahrnehmung verfaßt hatte. In der Wissenschaftsauffassung trennten uns Welten; das hinderte Bergius aber nicht, mich äußerst fair zu fördern. Die Sache ging dennoch beinahe schief, denn das Handbuch drohte, noch vor Abschluß meines Promotionsverfahrens in Druck zu gehen. Die Veröffentlichung hätte dann nicht den Vermerk «als Dissertation angenommen» tragen können, und die Fakultät verweigerte unter diesen Umständen ihre Einwilligung. So waren die Verhältnisse vor Achtundsechzig. Zum Glück war Metzger mit seinem eigenen Beitrag so säumig, dass der Handbuchband verspätet erschien. Das brachte Hogrefe zwar an den Rand des Nervenzusammenbruchs, rettete aber meinen Doktortitel.
Die von Bergius erwartete Gegenleistung bestand in einer einjährigen Assistenz, mit der speziellen Auflage, am Aufbau des experimentalpsychologischen Praktikums mitzuwirken. Bergius ging dann aber bald nach Tübingen; die Chemie mit Lersch stimmte nicht. Ich führte das Praktikum selbständig weiter, funktionierte es allerdings bald in einen Kybernetik-Kurs um, der bei den Studierenden überraschend gut ankam. Er liegt dem Buche «Struktur und Bedeutung» zugrunde, an das sich übrigens auch eher Naturwissenschaftler als die Fachkollegen herantrauen. Hubert Markl verwendete es als vorlesungsbegleitende Literatur.
An dieser Stelle sollte ich etwas zur Mathematik sagen, die in Zürich immerhin Bestandteil meiner venia legendi war. Noch heute identifizieren manche Psychologen Mathematik mit Statistik. Dass das Unsinn ist, hatte schon Kurt Lewin erkannt. Nur setzte er an deren Stelle Imitate aus der physikalischen Begriffswelt, wie «Felder» oder «Vektoren». Man wird ihm selbst solche Blasenwürfe einer sprudelnden Phantasie noch nachsehen, nicht mehr indessen seinen Adepten, die dergleichen unbeirrt als Nachweis des angeblich hohen Formalisierungsstandes unserer Wissenschaft verkaufen. Ich kann eine Mathematik, die dem Psychologen als Instrument der Theoriebildung zu dienen vermag so wie die Differentialgleichungen dem Physiker, nur in der Systemtheorie erkennen; aber bislang ist bei uns Dietrich Dörner der einzige, der das auch so sieht.
Natürlich geht es auch nicht ohne Statistik. Zu meiner Studienzeit gab es freilich noch keine regulären Methodenkurse, was bei mir eine seltsame Halbbildung hinterließ. Bei den schon erwähnten Experimenten zur Raumwahrnehmung war an einer entscheidenden Stelle der Nachweis erforderlich, dass Pendelschwingungen der subjektiven Vertikalen, wie sie bei Betrachtung eines gleichmäßig rotierenden Streifenfelds auftreten, von der Körperschräglage des Betrachters unabhängig werden, wenn man sie einer bestimmten Transformation unterwirft. Mir kam die Idee, man müsse hierfür nur zeigen, dass die Mittelwertskurven in verschiedenen Körperlagen nicht stärker streuten als die Einzelkurven in jeder Lage. Ich hatte schon begonnen, einen entsprechenden Algorithmus zu konzipieren, als mich Scheerer stoppte: So ein Verfahren gebe es bereits, es heiße «Varianzanalyse». Er führte diese dann durch und teilte mir erfreut mit, die Unterschiede seien theoriekonform «nicht signifikant». Bei nochmaligem Hinschauen schien mir aber eine der Oszillationen doch ein wenig anders auszusehen als die übrigen. Daraufhin zerlegte ich sie in ihre Fourier-Komponenten und unterwarf jede derselben einer separaten Varianzanalyse. Und da bestätigte sich mein Verdacht. Ich habe seither immer statistischem Hokuspokus mißtraut, der sich der Kontrolle der Gestaltwahrnehmung entziehen will. Meine Studenten pflegte ich später mit der überspitzten Maxime zu provozieren, es genüge, wenn sie wüßten, was Mittelwert und Streuung sei; Ergebnisse, die sich nur mit einer komplizierten Statistik sichern ließen, solle man wegwerfen und ein besseres Experiment machen.
Über die Jahre bei Lorenz kann ich mich kurz fassen; ihr wissenschaftlicher Ertrag ist in dem Buch «Das Rätsel Ödipus» niedergelegt. Im ersten Jahr zog ich ein Geschwisterpaar Bleßgänse auf und entdeckte bei ihnen eine instinktive Paarungsbarriere. Ich war nicht als erster auf tierische Inzesthemmungen gestoßen, aber vor mir hatte niemand ihre Bedeutung für Kulturanthropologie und Psychoanalyse erkannt. Das Thema brachte mich immer wieder in Kontakt mit führenden Psychoanalytikern, und die meisten zeigten sich erstaunlich aufgeschlossen. Ein enges Vertrauensverhältnis entwickelte sich insbesondere zu Annemarie Dührssen, die später meine Berliner Berufung tatkräftig förderte. Ihr rebellisches Buch «Ein Jahrhundert psychoanalytische Bewegung in Deutschland» habe ich noch im Manuskript gegengelesen; die Orthodoxie sucht es heute totzuschweigen. Aber auch zu Lotte Köhler, am ganz anderen Flügel, besteht eine von gegenseitiger Hochachtung getragene Beziehung; von ihrer Stiftung erhielten meine Frau und ich eine erhebliche finanzielle Unterstützung unserer gegenwärtigen Forschungsvorhaben. Und selbst Mitscherlich zeigte sich angetan. Ich wurde zu einem Vortrag an sein Frankfurter Institut eingeladen. Die Disskussion war erregt, ein Teilnehmer meinte, ich hätte ein Tabu geschändet, sei dadurch aber selbst tabu geworden. Jedenfalls empfahl mich Mitscherlich später als Mitglied der Kommission der in der Ära Brandt mit großen Erwartungen gegründeten Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung. In dieser Kommission war auch Habermas, dem ebenfalls die Bedeutung des Inzest-Themas klar war. Auf seine Empfehlung hin erhielt ich einen Brief von Unseld, ob ich das im Entstehen begriffene «Rätsel Ödipus» nicht bei Suhrkamp veröffentlichen wollte. Damals waren alle Seewiesener aber treue Piper-Autoren.
Ein Wort noch zu meinem Verhältnis zur studentischen Linken. Ich stand selbstverständlich auf der Gegenseite. Biologie galt als «faschistisch» und mein Unterrichtsstil war alles andere als anbiedernd. Gleichwohl akzeptierte man mich als auf meine Weise authentisch. 1968 ruinierte dem armen Bergius eine Busladung Berliner Rabatzniks den Tübinger Kongress der DGPs. Kaum bekannt sein dürfte, dass dieser Bus anschließend Seewiesen heimsuchte. Es gab eine temperamentvolle Diskussionsrunde im Kolloquiumsraum, die ich zu präsidieren hatte. Der Wortführer der Gruppe, Peter Groskurth, fragte mich anschließend, ob er bei mir ein Praktikum machen könne. Er blieb in Seewiesen, benahm sich manierlich und beobachtete Wildgänse.
Anfang der siebziger Jahre nahte die Emeritierung von Lorenz. Eine internationale Kommission unter Vorsitz des Biologen Ted Bullock sollte Vorschläge zur Nachfolge ausarbeiten. Aus dem lokalen Nachwuchs standen Wolfgang Wickler, Walter Heiligenberg und ich selbst zur Debatte. Lorenz favorisierte Wickler, der dann auch berufen wurde. Heiligenberg erhielt ein Angebot, zu Bullock nach La Jolla zu wechseln, und ich selbst bekam einen Brief von Max Delbrück, er sei demnächst in Deutschland und wolle mich kennenlernen.
Delbrück gilt als der Vater der modernen Biologie; er hat den Nobelpreis für die Begründung der Bakteriophagengenetik bekommen, aus der letztlich die Entschlüsselung der DNA hervorgegangen ist. Watson schildert in seinem Buch «The Double Helix», wie er vor «Delbruck's bluntness» gebangt hatte. Dieser Mann also kam nach Seewiesen, wir aßen in der Mensa zu Mittag und er forderte mich auf, ihm von meiner Forschung zu berichten. «Jetzt gleich?» fragte ich, den Löffel halb am Munde. «Ja, bitte.» Also erzählte ich von Inzestbarrieren bei Gänsen und anderen Tieren, Delbrück stellte Rückfragen und war zum Schluß genau im Bilde. Nach ein paar Wochen schickte er mir eine Einladung als «Sherman Fairchild Distinguished Scholar» für zunächst ein Jahr an die im Aufbau begriffene Abteilung für Behavioral Biology am California Institute of Technology in Pasadena.
Delbrück wurde nach von Holst mein zweiter Mentor. Die «bluntness», von der Watson geschrieben hat, blieb mir nicht erspart. Am Anfang ging es noch gut. Ich hatte ihm für den Rückflug meinen Habilitationsvortrag über «Verstehen und Erklären in der Wissenschaft vom Menschen» in die Hand gedrückt. Das war riskant, denn der Erscheinungsort war die eher obskure «Zeitschrift für Menschenkunde». Postwendend kam eine Karte: «'Verstehen und Erklären …' mit hoher Begeisterung gelesen! Wie ist dieser wunderschöne Aufsatz wohl entstanden? Und wie kam er in diese unmögliche Zeitschrift?» Es ging noch weiter. Eine Infektion hatte ihn für ein paar Tage ins Bett gezwungen, und zum Zeitvertreib übersetzte er den ganzen Aufsatz ins Englische! Da hatte ich ein Manuskript, «translated by Max Delbrück»! Geeignet placiert, wäre daraus einiges zu machen gewesen. Aber das Thema hatte sich überlebt. Die Übersetzung ist unter den persönlichen Erinnerungen abgelegt.
Später gab es auch Situationen, in denen mich Delbrück an den Rand eines Ulcus trieb. Von meiner erste Veröffentlichung über das spätere «Zürcher Modell der sozialen Motivation» schickte ich ihm ein Manuskript, und in Kenntnis seiner Ungeduld heftete ich einen Zettel an, dass ich auch in sein Labor kommen und ihm in zehn Minuten die Grundgedanken erläutern könne. Am nächsten Tage hatte ich das Manuskript wieder im Postfach, mit dem Vermerk «Yes, I find this ungenießbar, much too wordy. If you can tell it in ten minutes, write it the same way, please!! M.» Er hatte überhaupt nur die ersten zwei Seiten gelesen.
Gänzlich ungetrübt blieb aber stets Delbrücks Haltung gegenüber meiner Frau. Daß sie in Zürich später noch einmal eine eigene Karriere in Angriff nahm, lag nicht zuletzt an dem echten Interesse, mit dem er an ihren Arbeiten über den Zusammenhang von Spiegelerkennen und Empathie bei 18monatigen Kindern Anteil nahm. Gerade weil er so unfähig war, höflich zu lügen, hat ihr seine Ermutigung entscheidende Impulse gegeben.
Die Einladung ans CalTech weckte in mir gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war sie unbestreitbar ehrenvoll. Andererseits wußte ich mit Amerika, insbesondere mit der dortigen Psychologie, nicht viel anzufangen. Die moderne Schwärmerei von der «Internationalität» mag ja in den Naturwissenschaften sinnvoll sein; was sie unserem Fach bringen soll, ist mir aber schleierhaft.
Ende der sechziger Jahre war ich schon einmal zu Vorträgen nach Amerika eingeladen worden. Organisiert hatte das Herbert Feigl, der meine Handbuchartikel kannte und mich als geistesverwandten Nachwuchs fördern wollte. Die Sache zerschlug sich wegen einer ernsten Erkrankung meiner ältesten Tochter. Ein zweiter Anlauf kam einige Jahre später tatsächlich zustande; eingeladen hatte mich der Neurowissenschaftler Hans Lukas Teuber vom MIT, auf Vermittlung seines damaligen Mitarbeiters Ernst Pöppel. Dieser Besuch war schon deshalb lohnend, weil ich dabei Jerome Y. Lettvin kennenlernte, mit dem mich seitdem eine persönliche Freundschaft verbindet. Aber es ist kennzeichnend, dass die drei einzigen dauerhaften Freunde, die ich unter amerikanischen Verhaltenswissenschaftlern gewonnen habe, Jerry Lettvin, John Garcia und David Premack, auch Nonkonformisten sind, die sich, jeder auf seine Weise, den gängigen Spielregeln verweigert haben. Bei Lettvin führte das dazu, dass ihn heute kaum mehr jemand zitiert. Immerhin hat er das Prinzip der rezeptiven Felder entdeckt; aber danach hatte er die Kleinarbeit Hubel und Wiesel überlassen, die dafür dann den Nobelpreis einfuhren. Garcia konnte, ähnlich wie Lettvin, seine sensationellen Ergebnisse, die der behavioristischen Lerntheorie die Grundlage entzogen, anfangs in keinem renommierten Journal unterbringen. Aber immerhin hat er sich schließlich durchgesetzt. Und Premack konnte den Spieß sogar umkehren und den Strom, gegen den er schwamm, in neue Betten leiten.
Am CalTech hätte ich mit Roger Sperry oder Jim Olds arbeiten können. Aber ich habe zu dem, was man heute «Biologische Psychologie» nennt, kein Verhältnis. Der Komplexitätssprung zwischen Hirnprozessen und Erlebnisinhalten ist allzu groß; solange er nicht systemtheoretisch überbrückt wird, produziert diese Art Forschung zwar ständig neue Daten, doch tragen diese nur zu wachsender Verwirrung statt zur Klärung bei. Die inzwischen entwickelten bildgebenden Verfahren werden meiner Meinung nach das Dilemma nicht lösen, sondern nur für eine Weile verschleiern.
Ich schloß mich am CalTech der Gruppe um Derek Fender an, der für Systemtheorie zuständig war. Dort habe ich unter anderem die Grundzüge des späteren «Zürcher Modells der sozialen Motivation» in eine simulationsfähige Form gebracht. Das Resultat trug ich 1974 in Princeton auf dem von Michael Lewis organisierten Symposium «The Origins of Fear» vor, auf dem so ziemlich die ganze kinderpsychologische Prominenz versammelt war, darunter auch Mary Ainsworth. Der Vortrag muss ziemlich Eindruck gemacht haben. Daniel Stern schrieb mir hinterher einen begeisterten Brief. Und Lewis kam geradezu mit Schaum vor dem Mund auf mich zugestürzt: «This was just great! You must teach us this method!» Er hat es in diesem Moment wohl auch wirklich so gemeint. Gerührt bot ich ihm einen Vortrag für das Symposium im nächsten Jahr an. Er sagte zu, aber dann hörte ich nichts mehr, und auf spätere Rückfragen wurde mir bedeutet, die Zusage sei nicht verbindlich, ich hätte mich schließlich selbst eingeladen. Ich hatte einfach den Code noch nicht gelernt und war auf Strohfeuer hereingefallen. Tief verletzt zog ich meinen Beitrag zum Symposienband zurück und veröffentlichte ihn in der Zeitschrift Child Development.
Mein Aufenthalt am CalTech wurde verlängert, und man fragte an, ob ich an tenure interessiert sei. Hier stand ich vor einer folgenschweren Weichenstellung. CalTech bedeutete Prestige, Beziehungen, Einfluß, Karriere. Es bedeutete aber auch, vorbehaltlos in den amerikanischen Wissenschaftsbetrieb einzutauchen. Der damit verbundene Identitätsverlust schien mir ein zu hoher Preis. Ich begann, wieder Fühler in den deutschen Sprachraum auszustrecken. Von dort kamen, praktisch gleichzeitig, vier C4-Angebote. Zuerst ein Ruf aus Berlin für Medizinische Psychologie. Ich wollte meinen drei Töchtern jedoch nicht zumuten, in einer – aus damaliger Sicht – sterbenden Stadt Wurzeln zu schlagen. Auch die Münchner Medizinische Fakultät wollte mich für dasselbe Fachgebiet und hatte eine Ein-Mann-Liste aufgestellt. Bevor das Kultusministerium aber reagierte, kam schon ein Ruf aus Giessen. Dort saßen Dietrich Dörner und Klaus Scherer, wir hätten sicher ein recht brisantes Dreiergespann abgegeben. Aber Hessen war klamm, und die in Aussicht gestellten Mittel hätten kaum ein effizientes Arbeiten ermöglicht. In die Verhandlungen platzte ein Ruf aus Zürich, den ich dann annahm. Die Ausstattung war so großzügig, daß ich mich nie mehr wegbeworben habe.
Lediglich an der Unterbringung haperte es anfangs. Mir wurde der dritte Stock eines Bürohauses im Seilergraben, einer ohrenbetäubend lärmigen Straße, zugewiesen, in dem meine Arbeitspläne nicht realisierbar gewesen wären. Ich legte das dem kantonalen Kultusminister dar, der in Zürich «Erziehungsdirektor» heißt und mit «Herr Regierungsrat» angeredet wird. Er sagte: Ich weiß, aber ich habe im Moment nichts anderes. – Darauf ich: Herr Regierungsrat, würden Sie eine Absichtserklärung unterschreiben, dass Sie sich um etwas Geeigneteres bemühen werden? – Dazu war er bereit, betonte aber, dass diese Erklärung unverbindlich bleiben müsse. Ich war einverstanden. Das ließ wiederum ihm keine Ruhe: Wenn Sie aber in zehn Jahren immer noch im Seilergraben sitzen, werden Sie dann sagen, die Erziehungsdirektion hat mich betrogen? Auf meine Erwiderung bin ich heute noch stolz: Herr Regierungsrat, wenn Sie glauben würden, dass ich in zehn Jahren noch im Seilergraben sitze, würden Sie diese Erklärung gar nicht unterschreiben! Er mußte lachen und die Sache war gelaufen.
Anderthalb Jahre später hatte ich einen vierstöckigen Neubau, der alle Erwartungen übertraf. So laufen die Dinge in der Schweiz. Vergleichbares geschah dann noch mehrmals. Beispielsweise war an Personalstellen unter anderem ein Elektronik-Ingenieur und ein Mechaniker bewilligt worden, wegen des hohen Bedarfs an innovativen Versuchsapparaturen. Die Stellen konnte ich mit Walter Schmid und Henri Gossweiler exzellent besetzen. Beide zählten ohne Einschränkung zum Team, nahmen an allen wissenschaftlichen Veranstaltungen teil und waren daher immer im Bilde, worum es ging. Eines Tages teilte mir Walter Schmid mit, dass er wegen zu niedrigen Gehalts gezwungen sei, sich anderweitig zu bewerben. Ich rief bei der Erziehungsdirektion an, der zuständige Entscheidungsträger kam zu einem Lokaltermin, und ein paar Wochen später war die Höherstufung bewilligt.
Diese pragmatische Mentalität hatte freilich auch ihre Kehrseite. Eines Tages teilte mir die Personalverwaltung mit, mein Assistent Harry Gubler habe im Staatsarchiv einen schweren Diebstahl begangen; der Erziehungsdirektor habe seine fristlose Entlassung angeordnet. Ich kontaktierte ungläubig den Archivleiter und erfuhr dort, dass eine Namensverwechslung vorlag. Am folgenden Samstag früh telefonierte ich den Erziehungsdirektor aus dem Bett, um mich geharnischt zu beschweren. Er hat sich dann in einem persönlichen Brief bei Harry entschuldigt.
Den zugewiesenen Neubau durften wir bis auf die tragenden Wände selbst planen. Im Keller war ein Raum für eine selbst konstruierte Humanzentrifuge vorgesehen, ferner ein langgestrecktes Spielzimmer zur Untersuchung der Distanzregulation von Kindern, eine Photodunkelkammer und eine Tierstation für Weißbüschelaffen. Im Parterre waren Werkstatträume und ein Computer, schon viel leistungsfähiger als unser Seewiesener Dinosaurier und für ein psychologisches Institut Mitte der Siebziger noch eine Rarität. In den ersten Stock kam ein Kolloquiumsraum, kreisförmig möbliert nach Holstschem Vorbild. Die vertraute Intensität der Diskussionen war freilich bei der – sagen wir, zurückhaltenden – deutschschweizerischen Mentalität nicht zu erreichen. Dennoch war das wöchentliche Gästekolloquium ein weit über das Institut hinaus bekanntes Ereignis, die Liste der Redner stattlich, mit Namen wie Gregory Bateson, Jane Goodall, K.H. Pribram, Urie Bronfenbrenner, Hermann Haken, Hans Eysenk, Richard Dawkins, Paul Feyerabend, Bartel van der Waerden, C. Fr. von Weizsäcker und natürlich auch Delbrück und Premack. Im obersten Stockwerk hatten wir ein Gästeappartement eingerichtet, das uns erlaubte, die Redner kostensparend unterzubringen und zugleich in das Hausklima einzubeziehen. Dort warteten auf die Vortragenden dann Buntstifte und ein Zeichenblock, auf dem wir von ihnen eine Illustration zu ihrem Thema erbaten. So wurde der Kolloqiumsraum zur Galerie; wir hatten zum Schluß mehr Bilder, als die Wände faßten.
Im oberen Stock lagen auch die Büros der Mitarbeiter, die allerdings bald mit allerlei Versuchsgerät vollgestopft waren, nicht zuletzt mit einem Flugsimulator, in dem wir Versuchspersonen auf Abenteuerreisen in den «Weltraum» schickten, um an ihrem registrierten Flugverhalten, infrarot gefilmter Mimik und on-line registrierter Pulsfrequenz und Atemrhythmik motivationspsychologische Untersuchungen durchzuführen.
Bei der Einweihung des Abteilungsgebäudes hielt Lorenz den Festvortrag. Meine zuvor eher ambivalente Beziehung zu ihm hatte sich inzwischen nostalgisch abgeklärt. Erst viel später wurde ich noch einmal zu einer Auseinandersetzung genötigt. 1989, gerade an meinem Geburtstag, hatten wir ihn in Altenberg beigesetzt. Ein Jahr danach plante die Universität Zürich unter Federführung von Rüdiger Wehner eine Feier, bei der ich die Gedenkrede halten sollte. Aus dem Gefühl heraus, dass das bei mir zuviel hochspülen würde, weigerte ich mich zunächst und schlug andere Referenten vor. Wehner wollte aber keine Wiener Lobhudelei und nötigte mich schließlich zuzusagen. Ich redete dann über Lorenz als Mensch, und ich habe die politisch dunklen Punkte nicht ausgespart, aber aus seiner Biographie verständlich zu machen versucht. Das Psychogramm war so gründlich recherchiert, dass ich mich entschloß, es zu publizieren. Es erschien, in Anspielung auf den Faust-Monolog, unter dem Titel «Gescheiter als alle die Laffen» und hat auf die Leser ausgesprochen polarisierend gewirkt. Einige haben daraufhin den Kontakt zu mir abgebrochen, von anderen erhielt ich seitenlange Briefe, in der sie ihre eigene Familiengeschichte darstellten. Gut verkauft hat sich das Büchlein übrigens nicht, weil das öffentliche Interesse an Lorenz nach seinem Tod praktisch erloschen ist. Die akademische Psychologie hatte ihn ohnehin nie rezipiert. Heute zitiert man die vielen Einsichten und Anregungen, die er zur Psychologie beizusteuern wußte, lieber nach drittklassigen amerikanischen Quellen.
Meine Venia in Zürich lautete auf «Allgemeine Psychologie experimentell-mathematischer Richtung», der Abteilung gab ich aber den Titel «biologisch-mathematisch», um den eigenen Ansatz inhaltlich und nicht methodisch zu definieren («mathematisch» ließ ich vorsichtshalber stehen, weil der beantragte Computer noch nicht bewilligt war). Zu unseren Lehrverpflichtungen gehörten wesentliche Teile des Grundstudiums: Allgemeine Psychologie I und II, Biologische Psychologie, Methodenlehre und, nicht zuletzt, Entwicklungspsychologie. Letztere lag in den Händen meiner Frau, die im Laufe der Zeit in die Funktion einer Professorin hineingewachsen und von den Kollegen auch so akzeptiert war, obwohl sie offiziell nur einen Lehrauftrag hatte; alles weitere hätte nach Nepotismus gerochen. Sogar ihre noch ausstehende Promotion absolvierte sie, auf ein Angebot von Gisela Trommsdorff hin, im fernen Konstanz, übrigens weit ehrenvoller als ich damals mit meinem mageren «magna» in München: Sie erhielt von der Universität Konstanz den einmal jährlich für die beste Promotion verliehenen Preis, der zuvor noch nie an die Sozialwissenschaften gegangen war.
Meinen Kindheitstraum, «Naturforscher» zu werden, habe ich mir erfüllt. Die Aufnahme in die Academia Leopoldina war eine Ehrung, die Anfang der 80er Jahre, anders als heute, für Psychologen so gut wie unerreichbar war. Im Grunde bin ich freilich immer ein Wanderer zwischen den Welten geblieben. Daher habe ich auch kein griffiges «Markenzeichen». Systemtheorie? Die liegt mir sicher am Herzen, aber als bloßer Methodiker möchte ich doch nicht abgestempelt werden. Raumwahrnehmung? Um da weiterzuarbeiten, haben wir die Zentrifuge gebaut. Vom Zeit zu Zeit bin ich gern in die klare Welt der Wahrnehmungsforschung zurückgekehrt, wo sich die Daten so gut quantifizieren und analysieren lassen. Aber verbohren hätte ich mich da auch nicht wollen. Oder Inzestbarrieren? Unsere diesbezügliche Forschung an Weißbüschelaffen und Zwergwachteln (beide monogam, und klein genug, um auf beschränktem Raum genügend Auslauf zu finden) hielt internationalem Vergleich stand, dank der Kompetenz meines zoologischen Oberassistenten August Anzenberger, der mich von Seewiesen nach Zürich begleitet hatte. Oder gar die Psychologie der Mythen? Auch da hat mich die Fachwelt ernstgenommen, aber wer unter den eigenen Kollegen würde das wohl für ein respektables Thema halten!
Mein Hauptanliegen ist das «Zürcher Modell der sozialen Motivation» geblieben. Das ist eigentlich die längst fällige Formalisierung der Bindsungstheorie, deren Vertreter immer nur von «Regelkreisen» reden, ohne wirklich etwas von Systemtheorie zu verstehen. Die Präzisierung der Form nötigt freilich auch zu inhaltlichen Erweiterungen. Ich hatte John Bowlby schon 1970 bei einer Visite in seinem schottischen Ferienhaus nahezubringen versucht, dass zur Bindung auch die Ablösung gehört. Das hat er überhaupt nicht einsehen wollen. Später hat er uns in Zürich besucht und sich unsere Arbeit erklären lassen. Auch hier kam es zu keiner Annäherung, seine Ausflucht lautete «you are too clever for me!» Seinem Geschmack entsprachen wohl eher die fahnenschwenkenden Regensburger Vasallen, die phantasielos die vorgeschriebene Marschrichtung einhielten. Das ist schade, denn die Bindungstheorie hatte wirklich Profundes beizusteuern, und verglichen mit der Mogelpackung, die unter dem Etikett «life span developmental psychology» erfunden wurde, um der Entwicklungspsychologie auch noch die letzten biologischen Rückstände auszutreiben, ist sie immer noch beachtenswert.
Die interdisziplinäre Streubreite meiner Forschungsthemen entsprang übrigens keineswegs einer patchwork identity. Sie erwuchs immer aus autochthonem Interesse und nie aus Kompromissen. Sie hat mich im Gegenteil zum bekennenden Außenseiter gemacht. Eine Einladung zum Berliner Wissenschaftskolleg habe ich abgesagt; ich fand es wichtiger, in unseren Projektgruppen präsent zu sein, als ein Jahr lang mit Gesprächspartnern zu diskutieren, die ich mir nicht selbst ausgesucht hatte. Und 1974 boten mir Noam Chomsky und Salvadore Luria ein gemeinsames neurolinguistisches Projekt an. Chomsky stand damals im Zenit seines Ruhmes, und Luria war immerhin Nobelpreisträger; so ziemlich jeder andere Jungwissenschaftler hätte eine derart prestigeträchtige Aufforderung mit Handkuß angenommen. Ich konnte mich aber für das Thema nicht erwärmen.
Der zeitgenössische main stream der Psychologie bedeutet mir wenig. Daran wäre beinahe der Zürcher Kongreß der DGPs gescheitert. Kurz nach meinem dortigen Amtsantritt erreichte mich eine Anfrage des damaligen Präsidenten, Hubert Feger, ob ich den nächsten Kongreß auszurichten bereit sei. Ich erbat einen Aufschub auf das übernächste Mal. Dann verschwand die Korrespondenz in der Ablage. Ende 1977 war ich zu einer von Silke Bernhards legendären Dahlem Konferenzen geladen, es ging um «Morality as a biological phenomenon». Man hielt dort die Vorträge nicht selbst, sondern reichte das Manuskript vorher ein, das wurde dann von einem anderen Teilnehmer vorgestellt und kommentiert. Mir fiel die Aufgabe zu, John Maynard Smith's Referat «The Concepts of Sociobiology» vorzutragen, und er referierte das meinige «On the Phylogeny of Human Morality». Ich spürte einen Konsens, der im Gespräch mit meinen eigenen Fachkollegen fast immer fehlte.
Just in diese Stimmung hinein sprach mich in einer Pause Lutz Eckensberger auf den bevorstehenden Zürcher Kongreß an. Den hatte ich längst vergessen, und ich erklärte rundweg, dafür einfach nicht der richtige Veranstalter zu sein; man möge sich bitte einen anderen suchen. Unverzüglich kam darauf ein Brandbrief des nächsten Präsidenten, Martin Irle, dem eine Kopie meines seinerzeitigen Schreibens beigefügt war und in dem es hieß «… bitte ich Sie ebenso herzlich wie dringend, Ihre damalige Zusage in der beiliegenden Kopie wiederzuerkennen.» Wiederzuerkennen! Der Mann konnte formulieren. Da blieb mir nichts anderes übrig, als den Stier bei den Hörnern zu packen. Allerdings stellte ich die Bedingung, den Kongreß ganz ohne Rücksicht auf bestehende Usancen gestalten zu dürfen. Das Resultat war dann eben Zürich 1980, wovon die Teilnehmer noch nach Jahren schwärmten. So manches heute Selbstverständliche war damals Innovation. Zum Beispiel ein bei Kongreßbeginn fertiger Abstraktband. Ferner zum ersten Mal Posters, die aber, anders als heute, während des gesamten Kongresses ausgestellt blieben, sodaß man sie in den Kaffeepausen betrachten konnte. Täglich nach dem Mittagessen standen die Autoren bei ihren Werken für Diskussionen bereit.
Nachmittags gab es Spezialvorlesungen von namhaften nichtpsychologischen Rednern. Werner Traxel präsentierte eine als seriöses Referat getarnte boshafte Parodie auf den gängigen Wissenschaftsbetrieb, und das Auditorium spielte mit und lieferte eine herrlich blödelnde «Fachdiskussion». Täglich waren zwei Stunden für die Bildung spontaner, nicht im Kongreßbericht zu dokumentierender Diskussionsgruppen reserviert, die jeder Teilnehmer initiieren konnte, um sich mit Kollegen, die man sonst nie trifft, über wirklich aktuelle Themen auszusprechen. Nach dem Abendbrot wurden bis in die Nacht hinein Filme vorgeführt. Der Kongreß vermittelte eine Art flow-Erlebnis, und der neugewählte Präsident, Heinz Heckhausen, verkündete den Beschluß, die Organisationsform künftig beizubehalten. Das blieb natürlich ein frommer Wunsch; den Kongreßstil bestimmt jeder Veranstalter neu.
Im Jahre 1997 wurde ich emeritiert und brach unverzüglich meine Zelte in Zürich ab. Die Münchner Universität hatte mir auf Betreiben Lutz von Rosenstiels eine Honorarprofessur zugesprochen, meine Frau habilitierte sich und vertrat nach Oerters Emeritierung für ein Semester dessen Lehrstuhl. Ich hielt in Zürich keine Abschieds-, wohl aber in München eine Antrittsvorlesung. Wir fingen einfach noch einmal neu an, in angemessen reduziertem Rahmen, aber in einer unbelasteten kollegialen Atmosphäre und mit der befriedigenden Erfahrung, dass in der Jugend gewachsene soziale Bindungen auch im Alter noch tragen und dass sich an der neuen Wirkungsstätte wieder Studenten einfinden, denen unsere Perspektive etwas bedeutet.
Läßt sich diese Perspektive charakterisieren? Für meine Vordiplomarbeit hatte ich mir einst nichts Geringeres vorgenommen, als eine Theorie der Intelligenz zu verfassen. Ich entwarf damals schon ein dreistufiges phylogenetisches Szenario, demzufolge menschliches Denken sich über die Zwischenform des anthropoiden Problemlösens aus Instinktmechanismen heraus entwickelt hat. Ich sah im Instinkt also eine prärationale (Brunswik hätte gesagt, «ratiomorphe») Kognitionsform. Im übrigen war alles vitalistisch gedacht, «dem Leben» eignete eben die mystische Kraft des Erkennens, die sich in Stufen immer mehr vergeistigte. Seltsam nur: Als ich später zu Darwin fand, ließ sich dieses Denkmodell, systemtheoretisch präzisiert und unnötiger Mystizismen entkleidet, bruchlos weiterverwenden.
Bin ich eigentlich Darwinist? In einer Diskussion mit Delbrück, wenige Jahre vor seinem Tode, habe ich einmal die Vermutung ausgesprochen, in 200 Jahren wären alle wohl wieder Vitalisten. «Das kann nicht dein Ernst sein?!» erwiderte er ungläubig, aber verdächtig milde. Im Herzen hatte er nichts gegen diese Aussicht. Und Lorenz pflegte ohnehin zu sagen, wenn ihn jemand frage, ob er Katholik oder Protestant sei, gäbe er «Vitalist» zur Antwort. Tief drinnen können wir alle nicht glauben, dass Monods «Zufall» mehr ist als eine Chiffre für etwas, was wir heut noch nicht durchschauen. Als Wissenschaftler aber dürfen wir am Modell des «Blinden Uhrmachers» nicht deuteln; es gibt gegenwärtig einfach keine seriöse Alternative dazu, die Selektion als einziges richtendes Prinzip des Artenwandels zu beanspruchen.
Unberührt von alldem bleibt die Überzeugung, der menschliche Geist sei das Produkt einer Evolution, die in immer neuen Metamorphosen von keimhaften Ursprüngen zu den höchsten Emergenzen aufgestiegen ist. Das ist keine wissenschaftliche These, sondern ein Weltgefühl, eine heuristische Matrix, die allem nachgeordneten Forschen die Fragen vorgibt und die Evidenzen zubilligt oder vorenthält. Von solchen erkenntnisleitenden Grundstimmungen kommt man wohl lebenslänglich nicht los, und ihre Zahl scheint begrenzt. Ein ganz anderes Weltgefühl motiviert jenes Jakobinertum, das alles, was sich der transparenten Monotonie mechanischer Gesetzmäßigkeit in ein Refugium des Geheimnisvollen entziehen will, gnadenlos dem Fallbeil zu überantworten giert. Man muss sich nur J. B. Watsons puritanisch verkniffene Lippen anschauen, um dieses Ressentiment von dort bis zu Skinners «Beyond freedom und dignity» am Werke zu spüren. Und dann wäre, heute wieder am einflußreichsten, noch die Vision vom Drachentöter Georg zu nennen, jenem heiligen Ritter, der aus lichten Höhen in die irdischen Niederungen herabgestiegen ist, um den Urwald zu roden, die Sümpfe trockenzulegen, die Wölfe zu zähmen und die Wilden zu taufen. Früher nannte er sich «Kultur», etwa später «Sozialisation», und heute steht «res cogitans» auf seinem Schild.
Mir scheint, dass der Geistesgeschichte mit all ihren Paradigmenwechseln ein endloser Gigantenkampf solcher Metaphern zugrundeliegt, dessen Dynamik psychologische Forschung vielleicht einst durchschauen mag. Von allen drei Metaphern habe ich immer im Bann der erstgenannten gestanden. Sie hat gegenwärtig die geringste Kraft. Man wird abzuwarten haben, ob die «Evolutionäre Psychologie», die neuerdings von sich reden macht, hier einen Gesinnungswandel einleitet. Ausreichende Streitbarkeit bringt sie mit, ob ihr auch das erforderliche Charisma beschieden ist, wird sich zeigen.