Norbert Bischof Publikationen
english
Contact
Aktuell
Forschung und Lehre
Publikationen
Buecher
Einzelbeitraege und Skripten
Praesentationen
Portrait
Berufliche Taetigkeit
Mitgliedschaften und Dienste
Werdegang
Kontakt
home

Das Rätsel Ödipus

Buchtitel

Die biologischen Wurzeln des Urkonfliktes von Intimität und Autonomie

624 Seiten, mit zahlreichen Illustrationen und Grafiken
Piper, München, 1985
Weitere Auflagen in Serie Piper
ISBN: 3492209890

Übersetzung ins Japanische 1993
Übersetzung ins Ungarische 2002

Über dieses Buch
Vorwort
Inhaltsverzeichnis

PDF des Buchs herunterladen
online bestellen

Über dieses Buch

Zweimal in unserem Jahrhundert ist vom Inzesttabu her eine allgemeine Deutung der menschlichen Existenz versucht worden. Sigmund Freud sah in der mit Schuldgefühlen beladenen Liebesbeziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil das entscheidende frühkindliche Abenteuer, von dessen Bewältigung die psychische Gesundheit im späteren Leben abhängt. Claude Lévi-Strauss betrachtete das Verbot der innerfamiliären Partnerwahl als den entscheidenden Schritt, in dem sich Kultur von Natur und damit der Mensch vom Tier emanzipiert. Beide Ansätze sind falsch – so lautet die These dieses Buches –, weil ihre Erfahrungsbasis zu eng ist. Das Wesen des Menschen zu bestimmen bedeutet, seine Verschiedenheit von den Formen tierischer Existenz heraus zu arbeiten.

Hierfür kann aber nicht allein von den Befunden der Menschenforschung ausgegangen werden. Er bedarf vielmehr einer genauso subtilen Kenntnis tierischer Verhaltensmöglichkeiten. Norbert Bischof bringt beide Voraussetzungen mit: von Haus aus Humanpsychologe, war er 15 Jahre lang Mitarbeiter von Erich von Holst und Konrad Lorenz am Max-Planck-Institut in Seewiesen und hat dort ethologisch zu forschen und biologisch zu denken gelernt. Unter dem Eindruck der Spannung, die sich aus dem Zusammentreffen natur- und sozialwissenschaftlichen Grundlagenwissens ergibt, stellt er die Frage nach dem System der Beweggründe und Triebkräfte, die unser Verhalten zu Mitmenschen regulieren. Und wiederum setzt er beim Thema des Inzesttabus an, kommt aber zu Aussagen, die den herrschenden Lehrmeinungen sowohl der Psychoanalyse als auch der Kulturanthropologie diametral widersprechen.

Norbert Bischofs Forschungen haben maßgeblich zu der heute sich durchsetzenden Erkenntnis beigetragen, dass die Inzestscheu in erster Linie nicht gesellschaftlichen, sondern biologischen Ursprungs ist. Schon im Tierreich gibt es familienähnliche Verbände, die ihren Mitgliedern Sicherheit und Unterstützung spenden, und die doch nicht von Dauer sind: Auch hier steht die junge Generation vor der Alternative, entweder den Kreis der primären Vertrautheit aufzugeben und sich auf das Abenteuer der Begegnung mit dem Fremden einzulassen oder aber im Bereich der infantilen Nestwärme zu verbleiben, dies aber mit dem Verzicht auf Fortpflanzung zu bezahlen. Menschliches Sozialleben unterscheidet sich zwar offenkundig von tierischem, kulturelle Normen sind etwas grundsätzlich anderes als instinktive Antriebe und Hemmungen. Gleichwohl liegt dem Strukturwandel im Tier-Mensch-Übergangsfeld ein phylogenetisches Prozesskontinuum zugrunde.

Diese Dialektik recht zu verstehen ist ein Hauptanliegen von Norbert Bischof. Wer meint, die vergleichende Veraltensforschung «reduziere den Menschen auf das Tier», wird es angesichts dieses Buches nicht leicht haben, sein Vorurteil aufrecht zu erhalten. Um so ernster sind die Konsequenzen zu nehmen, die der Autor für das Verständnis der Menschwerdung – sowohl im stammesgeschichtlichen als auch im entwicklungspsychologischen Sinn dieses Wortes – aus seinem Material ableitet. Sozial- und Kulturwissenschaftler werden nicht umhinkönnen, fundamentale Ansichten neu zu überdenken. Und der Laie wird in diesem Buch dankbar bemerken, dass humorvolle Anschaulichkeit in der Darstellungsweise nicht mit Oberflächlichkeit in der Argumentation einhergehen muss.

Vorwort Inhaltsverzeichnis