Norbert Bischof Portrait

Autobiographisches (1)

Falls es ein Gen für Konformismus gibt, dann bin ich diesbezüglich eine Verlustmutante. Mein erster Berufswunsch, noch vor Schuleintritt, war schon recht altersuntypisch; er lautete «Naturforscher». Meine Tanten pflegten ihn mit schlesisch-gutmütigem Spott zu kommentieren: «Naturforscher mi'm Feuerhäkel» – also einer, der mit einem Schürhaken unter Laubhaufen stochert. Wie dieser Kindheitstraum zustande kam, ist dunkel. Vielleicht spielte das Buch «Die Biene Maja» eine Rolle, das ich zu meinem fünften Geburtstag geschenkt bekam. Ich konnte damals bereits lesen; das Alphabet hatte ich mir von Angestellten im elterlichen Geschäft an Hand der Schreibmaschine zusammengebettelt, gegen den besorgten Widerstand meiner Mutter, die meinte, zu frühe intellektuelle Betätigung würde dem Kinde schaden.

Noch nachhaltiger mag die Natur gewirkt haben, in der ich aufwuchs. Meine Heimatstadt Breslau hat mich nie sonderlich fasziniert. Aber da war noch außerhalb, weitab vom nächsten Dorf, ein Wochenendhaus mit einem Gartengrundstück und einem eigenen Teich, wo wir die Ferien verbrachten. Dort war meine Seelenlandschaft. Ich stromerte in den urweltlichen Oderwaldungen umher, und meine Leidenschaft waren von Anfang an Tiere. Ich brachte meiner entsetzten Mutter Schlangen ins Haus und versuchte, in einer Drahtschlinge Kreuzspinnen zur Herstellung ihrer Radnetze zu bewegen, was natürlich nicht funktionierte, auch wenn ich es immer wieder mit neuen Tieren versuchte. Schließlich zwickte es mich überall, und beim Abstreifen des Unterhemdes kamen Dutzende meiner Versuchstiere wieder zum Vorschein.

Die Liebe zur Biologie endete vorerst mit etwa zwölf, als mein Vater mir das Buch «Du und die Natur» von Paul KARLSON schenkte, das einen ungeheuren Eindruck auf mich machte. Es hat noch vierzig Jahre später bei der Gestaltung des «Rätsel Ödipus» nachgewirkt. Seitdem stand fest: ich würde einmal Physiker werden. Damals wußte aber kaum wer, was ein Physiker ist und soll, und ich hütete mich, diesen Wunsch den Klassenkameraden zu verraten. Im Zeugnis wurde mir eine «besondere Veranlagung und Freude für Mathematik» bescheinigt, zu meinem Leidwesen, weil da «Physik» hätte stehen sollen; den engen Zusammenhang beider Wissenschaften begriff ich noch nicht.

Ein guter Schüler war ich nicht. Lernfächer waren mir zuwider, auch Latein, bei dem man durch Anwendung uneleganter Grammatikregeln angeblich «logisches Denken» übt. Das Phänomen Sprache als solches interessierte mich aber durchaus. Es war das Alter, in dem man Karl May las. Der gab sich bekanntlich polyglott und belegte dies unter anderem damit, daß er direkte Rede, die im osmanischen Raum spielte, jeweils im türkischen Original wiedergab. Hierfür hatte er Vokabeln einzeln (oft falsch) im Wörterbuch nachgeschlagen und dann nach den Regeln der deutschen Grammatik zusammengefügt. Aber immerhin kam doch die Klangfarbe ein wenig herüber, und die faszinierte mich so, daß ich in einem Antiquariat eine türkische Sprachlehre erstand. Vielleicht wäre das nicht weit gediehen. Aber dann kam im Frühjahr 1945 die Flucht, und ich konnte nur eines meiner Bücher mitnehmen. Meine Wahl fiel auf besagte Grammatik, weil ich davon am längsten würde zehren können. So kam es dann, daß ich die Zeit des ärgsten Flüchtlingselends, pubertär abgetaucht, mit dem Erlernen dieser damals völlig nutzlosen Sprache verbrachte, mit Agglutination, Vokalharmonie und den Gerundien auf –ip, –erek usf. Heute habe ich das meiste vergessen, aber bei diversen Reisen nach Kleinasien kam es mir zugute.

Etwas ähnliches hat sich noch einmal wiederholt, als ich sechzehnjährig wieder zur Schule ging. Ich blieb als einziger der Klasse dem Wahlfach Französisch fern, kaufte mir wiederum ein Lehrbuch und lernte auf eigene Faust russisch. Ich glaube, dass die Haltung, sich nicht darum zu kümmern, was andere tun, später auch meine wissenschaftliche Karriere bestimmt hat.

Mein Vater geriet zu Kriegsende in russische Gefangenschaft, aus der er nicht wieder zurückkehrte. Die Flucht verschlug unsere Restfamilie in ein ärmliches Nest im Fichtelgebirge. Das war eine harte Zeit; zum Glück fand ich einen Job als Küchenhilfe bei den amerikanischen Besatzungstruppen. Dafür konnte ich das, was in den Kesseln der Kantine übrig blieb, mit nach Hause nehmen. Wer die Zeiten miterlebt hat, weiß, was das bedeutete. Damals machte ich erste Bekanntschaften mit der Mentalität, aus der die amerikanische Psychologie ihre Evidenzen bezieht. Ich unterhielt mich mit einem der GIs über die Zukunft und erklärte ihm, daß für mich ein anderes Leben als das eines Wissenschaftlers einfach nicht vorstellbar sei. Sein Kommentar: «You must learn to appreciate other ways of life.» Freitags gab es Filme, da kamen Sätze vor wie «I learned to love her.» Ich war beeindruckt. Sowas können die Amis «lernen»?!

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