Über dieses
Buch
Schillers Wort «Von der Parteien Gunst und Haß
verwirrt schwankt sein Charakterbild in der Geschichte»
gilt für kaum einen zeitgenössischen Denker in gleichem
Ausmaß wie für Konrad Lorenz. Das liegt daran,
daß seine Thesen und der Stil, in dem er sie verkündete,
dazu reizen, sich ihm parteiisch zu nähern: als kritiklos
verehrender Jünger oder aber als erbitterter Feind. Den
einen ist er ein von tiefer Verantwortung für Natur und
Menschheit erfüllter, begnadeter Seher und rundherum
ein wundervoller Mensch, den anderen ein naiver Ideologe des
Biologismus und gewissenloser Handlanger brauner Menschenverächter.
Hinzukommt noch in beiden Fällen das von den Medien verbreitete
Klischee eines konfliktfrei idyllischen Lebens, dem es bis
zum Ende vergönnt war, Träume der Kindheit Wirklichkeit
werden zu lassen.
Das vorliegende Buch bricht radikal mit solcher Legendenbildung.
Norbert Bischof hat fünfzehn Jahre lang als Psychologe
in der Biologenkolonie des Seewiesener Max Planck-Instituts
in alltäglichem Kontakt mit Konrad Lorenz zugebracht.
Aus intimer Vertrautheit heraus und unter Verwendung von bislang
unbeachtet gebliebenem Quellenmaterial unternimmt er es, das
Portrait des Vaters der Verhaltensforschung von idealisierenden
wie von entstellenden Übertünchungen zu reinigen
und erstmals das Antlitz des Menschen Konrad Lorenz freizulegen.
In diesem Psychogramm sind Lichter und Schattierungen so gesetzt,
daß statt eines flachen Klischees ein Charakter Profil
gewinnt – ein Charakter, dessen Höhen und Abgründe,
dessen Größen und Schwächen sich mit nachfühlbarer
Folgerichtigkeit aus den keineswegs problemfreien Erfahrungen
seiner Kindheit heraus entwickelt haben.
Das Buch ist provozierend geschrieben, nicht nur, weil es
Tabus verletzt, sondern vor allem, weil es ungewohnte Zusammenhänge
knüpft. Besonders aufregend daran ist, daß es auch
die immer wieder als rätselhaft empfundenen Einbrüche
in der wissenschaftlichen Argumentationslogik von Lorenz auf
ungewohnte, aber schlüssige Weise in das Persönlichkeitsbild
einbezieht und als Ausstrahlungen seines individuellen Konfliktpotentials
zu deuten versteht.
Norbert Bischof läßt keinen Zweifel daran, daß
er zu Konrad Lorenz eine starke persönliche Bindung mitbringt,
die sich auch in teilweise schmerzlichen Auseinandersetzungen
behauptet hat. Seine Analyse ist wohlmeinend, aber rückhaltlos
ehrlich. Sie atmet in jeder Zeile Authentizität. Hier
redet einer, der dabei war und nichts aus zweiter Hand zusammensuchen
mußte, einer, der gewillt ist, am Lebenswerk seines
Lehrers weiterzubauen und gerade deshalb keinen Augenblick
zögert, zu Gunsten des Bleibenden den Ballast des Unzulänglichen
abzuwerfen.
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