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Dieses Buch verfolgt zwei Anliegen. Es ist zunächst
einmal ein Unterrichtswerk, aus dem Psychologen sowohl im
Selbststudium als auch in Gruppenkursen eine Disziplin erarbeiten
können, die wohl am besten geeignet ist, als mathematisches
Medium der Theoriebildung in ihrer Wissenschaft zu dienen.
Wenn man in der Psychologie von Mathematik redet, denkt man
in der Regel an Statistik. Die ist hier aber nicht gemeint.
Mit statistischen Methoden lassen sich Theorien überprüfen,
stützen oder zu Fall bringen, aber nicht generieren oder
auch nur abbilden. Die Rolle, die, sagen wir, die Vektoranalysis
in der Physik spielt, werden sie nie beanspruchen können.
Das wußte schon Kurt Lewin, als er die Statistik in
seiner berühmten Arbeit von 1930/31 noch als die «Methode
des aristotelischen Denkens» anschwärzte –
eine Beurteilung, der er freilich später (1943) mit wesentlich
weniger Tapferkeit als weiland Galilei vor der heiligen Inquisition
wieder abschwor.
Im übrigen hat Lewin zeitlebens mit Eifer, aber ohne
rechten Erfolg, im Labyrinth der Mathematik nach dem Stein
der Weisen gefahndet, von dem er zu Recht überzeugt war,
daß er irgendwo liegen und auf die Psychologen warten
müßte. Wir wissen heute, daß er dort, wo
Lewin ihn vermutete – in Vektorrechnung, Feldtheorie
und Topologie – wohl nicht zu orten ist. Anders steht
es jedoch mit der Disziplin, die vor einer Generation noch
Kybernetik hieß und heute meist als Systemtheorie bezeichnet
wird.
Mit dieser hat es eine sonderbare Bewandtnis. Obwohl sie
in den sechziger Jahren in aller Munde war und obwohl, was
schwerer wiegt, Forscherpersönlichkeiten vom Format Erich
von Holsts ihre Fruchtbarkeit und Relevanz für die Verhaltenswissenschaften
zweifelsfrei unter Beweis gestellt haben, hat sie es doch
nicht geschafft, Eingang in den offiziellen Lehrplan oder
auch nur in die Forschungsprogramme der akademischen Psychologie
zu finden. Sie erlebte im ersten Anlauf nur eine kurze Scheinblüte;
inzwischen probieren die ständigen Partygäste des
wissenschaftlichen Jet-Sets längst die nächsten
Modetänze.
Das letzte Wort kann damit aber nicht gesprochen sein. Die
Systemtheorie ist etwas, worum die Psychologie auf die Dauer
einfach nicht herumkommen wird. Organismen, Individuen, soziale
Gruppen sind Systeme, und als solche sind sie auch nur mit
der für Systeme nun einmal adäquaten Methodik analysierbar.
Wer diese Methode beherrscht, ist immer wieder erstaunt, auf
welchem Niveau man Probleme mit ihr angehen kann, und er versteht
kaum mehr, wie er ohne sie auskommen konnte. Aber es gibt
noch nicht viele, mit denen er diese Einsicht teilt.
Das Problem liegt wohl vor allem in den angebotenen Lehrbüchern.
Wenn sich Psychologen über andere für sie relevante
Aspekte der Mathematik orientieren wollen, so können
sie heute schon auf eine recht weitgefächerte Literatur
zugreifen, die speziell auf ihr Vorverständnis Rücksicht
nimmt. Ein entsprechendes Angebot auf dem Gebiete der Systemtheorie
fehlt jedoch. Es ist bezeichnend, wenn etwa das an sich sehr
gründliche Unterrichtswerk von Rhenius (1983, 1986) die
Systemtheorie kurzerhand ausklammert, mit der logisch nicht
ganz nachvollziehbaren Begründung, sie sei noch nicht
so weit entwickelt, daß man sie für Psychologen
leicht und knapp darstellen könne.
Tatsache ist jedenfalls, daß die einschlägigen
Lehrbücher fast durchwegs für angehende Ingenieure
geschrieben und auf deren Mentalität, Kenntnisstand und
Interessenlage zugeschnitten sind (klassisch: Oppelt, 1960).
Auch für Biologen existieren inzwischen spezielle Darstellungen,
die jedoch ebenfalls vom mathematischen Einstiegsniveau her
ein naturwissenschaftliches Grundstudium voraussetzen. Ohne
Anspruch auf Vollständigkeit seien hier Toates (1975),
Varjú (1977) und McFarland & Houston (1981) genannt.
Der Psychologiestudent kommt da nicht mit. Er mag noch eben
wissen, was eine geometrische Reihe, ein Logarithmus, ein
Integral ist, er erinnert mit Mühe die wichtigsten Differentiationsformeln,
versteht die Grundzüge der Trigonometrie, hat schon von
der Exponentialfunktion gehört und davon, daß es
imaginäre Zahlen gibt. Er ist aber noch nie der Diffusionsgleichung
begegnet oder überhaupt der Wunderwelt der Differentialgleichungen,
er hat keine Ahnung von partiellen Differentialen und der
Laplacetransformation, von der Eulerschen Formel und von so
manchem anderen, das die Mathematik spannend macht und ohne
das man die Systemtheorie nicht wirklich verstehen kann. Das
alles stürzt in den genannten Werken mit umschweifloser
Brutalität auf ihn ein und überfordert ihn hoffnungslos.
Was also wirklich fehlt, ist ein Lehrbuch, das auf der Kenntnisstufe
eines Psychologiestudenten ansetzt, der nicht viel mehr als
einige auffrischungsbedürftige Reminiszenzen an seine
Mittelschulmathematik mitbringt, das ihn dann aber nicht mit
wohlfeilen Unverbindlichkeiten abspeist, sondern so gründlich
informiert, daß er die Kompetenz erwirbt, auf seinem
Gebiet in dem neuerschlossenen Medium kreativ zu denken. In
dieser Intention ist das vorliegende Unterrichtswerk verfaßt.
Es verwendet eine Reihe didaktischer Kunstgriffe, die sich
in der praktischen Erprobung bewährt haben. Der wichtigste
unter ihnen besteht darin, die Zeit nicht als Kontinuum, sondern
als diskrete Variable zu behandeln. Das kommt nicht nur den
Anforderungen der Computersimulation entgegen, sondern erlaubt
auch, die Infinitesimalrechnung weitgehend durch das Rechnen
mit endlichen Differenzen zu ersetzen. Wegen der fast durchgängigen
Analogie zwischen Differential – und Differenzengleichungen
kann man auch so alle wichtigen mathematischen Werkzeuge einführen;
beispielsweise tritt an die Stelle der Laplacetransformation
die leichter durchschaubare Z-Transformation.
Mit Ausnahme der zunächst wohl entbehrlichen Frequenzgangdarstellung
lassen sich auf diesem Wege alle relevanten Gebiete der Systemtheorie
so erläutern, daß die Prinzipien transparent werden
und dort, wo sich die Notwendigkeit ergibt, der Einstieg in
die Spezialliteratur zu schaffen sein sollte.
Formal gliedert sich das Lehrbuch in 11 Kapitel, die aufeinander
aufbauen und daher der Reihe nach bearbeitet werden sollten.
Das 8. Kapitel kann man dabei notfalls überspringen,
das 2. Kapitel kursorisch lesen. Mathematische Hilfsmittel,
die bei der Bearbeitung des Stoffes vorausgesetzt werden,
deren Erläuterung aber den Fluß der Darstellung
allzusehr aufhalten würde, sind in einem Anhang (12.
Kapitel) zusammengefaßt, auf den man bei Bedarf zugreift.
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