Über dieses
Buch
Zweimal in unserem Jahrhundert ist vom Inzesttabu her eine
allgemeine Deutung der menschlichen Existenz versucht worden.
Sigmund Freud sah in der mit Schuldgefühlen beladenen
Liebesbeziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil das entscheidende
frühkindliche Abenteuer, von dessen Bewältigung
die psychische Gesundheit im späteren Leben abhängt.
Claude Lévi-Strauss betrachtete das Verbot der innerfamiliären
Partnerwahl als den entscheidenden Schritt, in dem sich Kultur
von Natur und damit der Mensch vom Tier emanzipiert. Beide
Ansätze sind falsch – so lautet die These dieses
Buches –, weil ihre Erfahrungsbasis zu eng ist. Das
Wesen des Menschen zu bestimmen bedeutet, seine Verschiedenheit
von den Formen tierischer Existenz heraus zu arbeiten.
Hierfür kann aber nicht allein von den Befunden der
Menschenforschung ausgegangen werden. Er bedarf vielmehr einer
genauso subtilen Kenntnis tierischer Verhaltensmöglichkeiten.
Norbert Bischof bringt beide Voraussetzungen mit: von Haus
aus Humanpsychologe, war er 15 Jahre lang Mitarbeiter von
Erich von Holst und Konrad Lorenz am Max-Planck-Institut in
Seewiesen und hat dort ethologisch zu forschen und biologisch
zu denken gelernt. Unter dem Eindruck der Spannung, die sich
aus dem Zusammentreffen natur- und sozialwissenschaftlichen
Grundlagenwissens ergibt, stellt er die Frage nach dem System
der Beweggründe und Triebkräfte, die unser Verhalten
zu Mitmenschen regulieren. Und wiederum setzt er beim Thema
des Inzesttabus an, kommt aber zu Aussagen, die den herrschenden
Lehrmeinungen sowohl der Psychoanalyse als auch der Kulturanthropologie
diametral widersprechen.
Norbert Bischofs Forschungen haben maßgeblich zu der
heute sich durchsetzenden Erkenntnis beigetragen, dass die
Inzestscheu in erster Linie nicht gesellschaftlichen, sondern
biologischen Ursprungs ist. Schon im Tierreich gibt es familienähnliche
Verbände, die ihren Mitgliedern Sicherheit und Unterstützung
spenden, und die doch nicht von Dauer sind: Auch hier steht
die junge Generation vor der Alternative, entweder den Kreis
der primären Vertrautheit aufzugeben und sich auf das
Abenteuer der Begegnung mit dem Fremden einzulassen oder aber
im Bereich der infantilen Nestwärme zu verbleiben, dies
aber mit dem Verzicht auf Fortpflanzung zu bezahlen. Menschliches
Sozialleben unterscheidet sich zwar offenkundig von tierischem,
kulturelle Normen sind etwas grundsätzlich anderes als
instinktive Antriebe und Hemmungen. Gleichwohl liegt dem Strukturwandel
im Tier-Mensch-Übergangsfeld ein phylogenetisches Prozesskontinuum
zugrunde.
Diese Dialektik recht zu verstehen ist ein Hauptanliegen
von Norbert Bischof. Wer meint, die vergleichende Veraltensforschung
«reduziere den Menschen auf das Tier», wird es
angesichts dieses Buches nicht leicht haben, sein Vorurteil
aufrecht zu erhalten. Um so ernster sind die Konsequenzen
zu nehmen, die der Autor für das Verständnis der
Menschwerdung – sowohl im stammesgeschichtlichen als
auch im entwicklungspsychologischen Sinn dieses Wortes –
aus seinem Material ableitet. Sozial- und Kulturwissenschaftler
werden nicht umhinkönnen, fundamentale Ansichten neu
zu überdenken. Und der Laie wird in diesem Buch dankbar
bemerken, dass humorvolle Anschaulichkeit in der Darstellungsweise
nicht mit Oberflächlichkeit in der Argumentation einhergehen
muss.
Vorwort Inhaltsverzeichnis
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