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Von Natur aus anders

Vorwort zur dritten Auflage

Es ist nun fast genau vier Jahre her, seit die erste Auflage dieses Buches erschienen ist. Die positive Rezeption hat sich erfreulicherweise auch in den Verkaufszahlen niedergeschlagen, so dass nach einer unveränderten zweiten im vergangenen Jahr die dritte Auflage in Angriff genommen werden konnte, die nun in überarbeiteter und erweiterter Fassung vorliegt.

Die Rückmeldungen zu dem Buch waren in großer Mehrzahl erfreulich. Es wurde offensichtlich in vielen Seminaren verwendet, aber auch von Laien mit Interesse rezipiert. Wie zu erwarten, gab es freilich auch ein paar gereizte Bekundungen ideologischer Hartleibigkeit. Anstelle sachbezogener Argumente, auf die ich gern eingegangen wäre, begnügten sich solche Gegenstimmen damit, mir eine sinistre «Identifikation mit dem männlichen Geschlecht», also mit «Machos, Mackern, Chauvis und überhaupt Frauenfeinden» zu unterstellen, auch «erkenntnistheoretische Unbedarftheit» wurde moniert, weil ich die «Erkennbarkeit von Natur» nicht genügend in Zweifel ziehe; und ich musste mir ferner zerknirscht vorhalten lassen, «soziologisch-konstruktivistische Theorien» mit denjenigen des «diskurstheoretischen Dekonstruktivismus» vermengt und noch dazu die «wichtigste Gender-Theoretikerin des letzten Dezenniums», eine Philosophin namens Judith Butler, nicht gebührend zitiert zu haben. Was soll ich zu meiner Entschuldigung vorbringen? Ich wollte die Leserschaft einfach nicht durch fruchtlose Auseinandersetzungen mit purer Spekulation langweilen. Unter «Forschung» verstehe ich etwas anderes als die Postulate realitätsabgehobenen Wunschdenkens, auch wenn diese infolge ihrer kunstsprachlichen Verfremdung zuweilen einschüchternd tiefsinnig klingen. Wer sich partout in seinen Tagträumen bestätigt fühlen möchte, ist mit meinem Buch sicher schlecht bedient.

Bei der Überarbeitung habe ich mich auf bestimmte Bereiche konzentriert. Unverändert blieb die Darstellung der Verhältnisse im Tierreich, bei denen sich nichts ergeben hat, das eine Revision erforderlich gemacht hätte, oder das Kapitel über kognitive Geschlechtsunterschiede, deren Bedeutung ich noch immer für sekundär halte. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden die sich häufenden Ergebnisse der Hirnforschung, die geschlechtstypisches Verhalten auch anatomisch zu lokalisieren gestatten und gegenwärtig viel von sich reden machen. Der Nachweis einer neurophysiologischen Entsprechung psychischer Phänomene trägt nun einmal – von der Feststellung ihrer Existenz abgesehen – nichts Entscheidendes zur Aufklärung der Unterschiede bei, da er deren Genese ja offen lässt. In dieser Hinsicht haben wir Aufschluss nach wie vor in erster Linie von der entwicklungspsychologischen sowie von der endokrinologischen Forschung zu erwarten, und es sind vor allem diese Gebiete, in denen ich versucht habe, das Buch auf den aktuellen Stand der Kenntnisse zu bringen. Für mich selbst war dabei von besonderem Interesse, dass die neueren Forschungen zur Psychoendokrinologie erheblich zur Stützung der Annahmen beitragen, die ich in der 1. Auflage zum Teil nur mit dünner empirischer Evidenz hatte belegen können. Darüber hinaus ergaben sich neue Aspekte in Bezug auf die Äußerungsformen weiblicher Aggressivität und weiblichen Rivalisierens sowie zum Thema der männlichen Fürsorglichkeit. Ferner findet sich im 9. Kapitel ein grundsätzlicher Abschnitt über die nach wie vor vielerorts gründlich missverstandene Beziehung von Anlage und Umwelt. Eine kritische Auseinandersetzung mit neuerer Literatur betrifft unter anderem einen Artikel von Hyde, in dem Geschlechtsunterschiede wieder einmal zum Verschwinden gebracht werden und der Anlass gibt, über die momentan herrschende Gläubigkeit an die Aussagekraft von Metaanalysen nachzudenken. In die entgegengesetzte Richtung geht das 2004 erschienene Buch «Vom ersten Tag an anders» von Baron-Cohen, der in erheblichem Maß auf angeborene Dispositionsunterschiede setzt. Der Gleichklang der Buchtitel könnte Verwechselungen Vorschub leisten, über die ich nicht sehr glücklich wäre, da sowohl die empirische als auch die theoretische Stringenz der Ausführungen von Baron-Cohen doch ziemlich viele Fragen offen lässt.

Der Verlag hat mir dankenswerterweise die Gelegenheit gegeben, das Buch mit einem Titelbild zu schmücken. Picasso hat seine besonderen Vorstellungen vom Geschlechterverhältnis, wobei er in künstlerischer Freiheit da und dort doch, wie mir scheint, ein wenig übertreibt. So groß sind die Unterschiede letzten Endes auch wieder nicht!

Bernried, im März 2006
Doris Bischof