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Als ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal eine Vorlesung
über die Entwicklung geschlechtstypischer Verhaltensunterschiede
hielt, rief diese gemischte Reaktionen hervor: ein Teil der
Studierenden war offenkundig fasziniert, bei anderen meldete
sich heftiger Widerspruch, einzelne blieben sogar aus Protest
weg. Woran lag das?
Ich hatte das Geschlechterthema explizit in einen evolutionsbiologischen
Bezugsrahmen gestellt und dem Auditorium zugemutet, sich mit
der Möglichkeit anlagebedingter Verhaltensunterschiede
auseinanderzusetzen. Das erschien Einigen politisch nicht
korrekt, schrieb es doch scheinbar die Diskriminierung von
Frauen fort.
Positive Reaktionen kamen dagegen von Studierenden, die verstanden
hatten, dass es mir primär darum ging, sie an eine etwas
differenziertere Sicht des Anlage-Umwelt-Verhältnisses
heranzuführen und ihnen bezüglich der Biologie die
Angst zu nehmen, die immer ein schlechter Ratgeber ist.
Ich habe die Vorlesung turnusmäßig bis heute immer
wieder gehalten, und die negativen Reaktionen haben deutlich
abgenommen. Während man vor 15 Jahren bisweilen allen
Mut zusammennehmen musste, um gewisse Aussagen mit Provokationspotential
nicht um des lieben Friedens willen kurzerhand wegzulassen,
gestaltet sich das Klima neuerdings zunehmend so, dass ich
offene Türen einzurennen meine. Dass die Geschlechter
von Natur aus verschieden sein könnten, wird heute mit
einer gewissen Selbstverständlichkeit konzediert.
Was hat diesen Einstellungswandel wohl bewirkt? Mag sein,
dass ich in den Jahren eine gewisse Routine entwickelt habe,
die heiße Ware an den Mann oder die Frau zu bringen.
Vielleicht spielen aber auch die Fortschritte der Genetik
eine Rolle, von denen man fast täglich liest. Sie haben
der Biologie eine Präsenz im öffentlichen Bewusstsein
verschafft, die es nicht mehr erlaubt, sie im Stile vergangener
Jahrzehnte zu verdrängen.
Möglicherweise hängt die gelassenere Einstellung
der Studierenden – und unter ihnen insbesondere der
weiblichen – aber auch damit zusammen, dass Frauen ihre
Situation weniger aussichtslos sehen und sich deshalb von
biologischen Argumenten auch nicht mehr so sehr bedroht fühlen.
Falls diese Annahme zutrifft, stellt sich natürlich die
Frage, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist,
ein Buch wie das hier vorgelegte zu veröffentlichen.
Sein Hauptanliegen geht ja dahin, eine differenzierte Diagnose
der Faktoren zu liefern, die einer Diskriminierung von Frauen
Vorschub leisten. Vielleicht ist das inzwischen gar nicht
mehr erforderlich und die Situation hat sich bereits so weit
zum Guten gewendet, dass man getrost das Weitere abwarten
kann.
Analysiert man die gesellschaftliche Situation allerdings
genauer, dann erscheint eine allzu große Euphorie auch
wieder nicht angebracht. Zwar fordern junge Frauen heute mit
Selbstverständlichkeit ihr Anrecht auf eine berufliche
Karriere ein und viele machen ihren Weg. Wie sieht das aber
in der Praxis aus? Ich bin Mutter dreier Töchter. Mein
Mann und ich haben sie nach Kräften ermutigt, anspruchsvolle
Berufe zu ergreifen, und sie sind darin inzwischen auch sehr
erfolgreich. Dafür schlagen sie sich jetzt aber mit dem
Problem herum, wie sie die Familie und insbesondere den Kinderwunsch
mit ihrer Tätigkeit vereinbaren können.
Diese persönliche Erfahrung ist, wie ich fürchte,
repräsentativ. In Deutschland, und nicht nur hier, geht
die Geburtenziffer dramatisch zurück. Frauen verzichten
zunehmend zugunsten der Berufstätigkeit auf Kinder, und
viele erleben diese Wahl keineswegs als befriedigend. Jedenfalls
gehört es für die meisten meiner Studentinnen auch
heute noch zum Lebensplan, Beruf und Familie zu vereinigen.
Ob ihnen das gelingen wird, ist eine offene Frage. Die Karrieremuster,
die ihnen unsere Gesellschaft anzubieten hat, wird so manche
unter ihnen nötigen, auf das eine oder das andere zu
verzichten, wenn nicht die Kinder die Zeche zahlen sollen.
Ich meine also, dass das Thema dieses Buches nicht an Aktualität
eingebüßt hat. Es ging darum, alles zusammenzutragen,
was man wissen sollte, wenn man eine gerechte Lösung
für das Zusammenleben und die Selbstverwirklichung der
Geschlechter sucht. Ob das lückenlos gelungen ist, bleibe
dahingestellt, jedenfalls habe ich mich darum bemüht.
Allerdings gebe ich unumwunden zu, dass mir die These, die
beiden Geschlechter seien allein beim Menschen, wie sonst
nirgends in der Natur, mit völlig gleichen Verhaltensdispositionen
ausgestattet, von Anfang an nicht eben überzeugend schien.
Ich habe mich dem Thema also in einer gewissen Erwartungshaltung
genähert und kann nicht ausschließen, dass das
Spuren hinterlassen hat. Allerdings kann ich guten Gewissens
sagen, dass es nie meine Absicht war, irgend etwas zu «beweisen».
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